Nicht nur am Fluss

07. Juli 2023 | Kleine Vögel | 0 Kommentare

Flussregenpfeifer am Ufer des Kurischen Haffs in Litauen

Während der Sandregenpfeifer am Meeresstrand der norddeutschen Küste zu sehen ist, treffen wir den Flussregenpfeifer meist im Binnenland an. Er lebt am Ufer von Flüssen und Bächen, an Binnenmeeren und dort, wo ein Fluss ins Meer mündet. Der Salzgehalt des Wassers darf nicht zu hoch sein, denn dieser kleine Regenpfeifer ist an Süßwasser beziehungsweise Brackwasser angepasst.

Das bedeutet: Seine Salzdrüsen sind schwächer entwickelt als bei dem nahverwandten Sandregenpfeifer. Er wird das mit der Nahrung aufgenommene Salz also nicht so schnell wieder los wie typische Meeresvögel. Anders ausgedrückt: Fluss- und Sandregenpfeifer unterscheiden sich in der sogenannten Salinitätstoleranz.

Sichtbare Unterschiede

Wer den kleinen Flussregenpfeifer vom ähnlich aussehenden Sandregenpfeifer unterscheiden möchte, kann einerseits das Biotop zu Rate ziehen, also den Lebensraum des Vogels. Aber es gibt auch eindeutige äußere Merkmale, die sich zumindest per Fernglas gut entdecken lassen.

Sichtbar sind diese vor allem im Prachtkleid, das die Tiere während der Balz- und Brutzeit tragen.

Sehr auffällig sind dann etwa die zitronengelben Augenringe des Flussregenpfeifers.

Außerdem ist sein Schnabel dunkel – fast schwarz. Er ist nicht gelb und mit einer schwarzen Spitze verziert wie beim Sandregenpfeifer. Schließlich sind die Beine – und zwar das ganze Jahr über – graugelblich und insgesamt blass gefärbt. Gelborange leuchten hingegen die Beine des Sandregenpfeifers.

Durchaus flexibel

Das traditionelle Habitat des Flussregenpfeifers sind nahrungsreiche, aber vegetationsarme Flachufer von stehenden oder fließenden Gewässern. Für ihr Bodennest bevorzugt die Art ein Terrain mit grobkörniger Oberfläche, die mit Muschelschalen, Pflanzenteilen oder Kies strukturiert sein kann.

Schon im 19. Jahrhundert und auch nach danach sind viele der natürlichen Brutgebiete zerstört worden, weil in Folge von Wasserbaumaßnahmen – etwa Begradigung von Flussarmen – flache Ufer wegfielen. Außerdem stieg vielerorts durch starke Niederschläge der Wasserspiegel, so dass Kies- und Sandbänke als Brut- und Ruheplatz verschwanden.

Dadurch sank der Bestand an Flussregenpfeifern hierzulande so stark, dass man die Art Ende 1920 unter Schutz stellen wollte. Aber dem standen wirtschaftliche Interessen entgegen. Und die üblichen privaten Initiativen sind in diesem Fall zum Scheitern verurteilt. Denn es hilft Vögeln wie dem Flussregenpfeifer nicht die Spur, Nistkästen aufzuhängen und im Winter Futter zu streuen: Als Bodenbrüter gehen sie nicht in Nistkästen, wie es Stare und andere Felsenbrüter gerne tun, und den Winter verbringt der Flussregenpfeifer als insektenabhängiger Zugvogel jenseits der Sahara.

Nahrungssuche am Spülsaum, wo die Wellen Kleingetier anspülen.

Was der Flussregenpfeifer braucht, beschrieb Heinrich Dathe – später langjähriger Direktor des Tierparks Berlin – in der Reihe Die Neue Brehm-Bücherei bereits 1953 in Der Flussregenpfeifer¹ so, Seite 7

Schutz heißt bei diesem Vogel Rettung seiner Lebensräume …

und er hob hervor: Freibrütern wie dem Flussregenpfeifer sei

nur zu helfen, wenn Wälder, Teichlandschaften, Altwässer und ähnliche möglichst ursprüngliche Gebiete befriedet und menschliche Eingriffe jeder Art daraus verbannt sind.³

Allerdings hat der Flussregenpfeifer viele Menschen – und auch Heinrich Dathe – überrascht. Die Bestandszahlen nahmen in den 1930er Jahren wieder zu, weil die Vögel sich als äußerst anpassungsfähig erwiesen. Dathe berichtet, dass sie zunehmend dort auftauchten, wo der Mensch „buddelte“, um Autobahnen, Straßen und Kanäle anzulegen.

Solche Brutplätze halten jedoch oft nur eine Saison. Zum Glück kann der Flussregenpfeifer noch andere menschengemachte Brutgelegenheiten nutzen: Sand- und Kiesgruben, Truppenübungsplätze, Flächen im Braunkohletagebau, Uferflächen an Talsperren, selbst Müllhalden und mit Sand oder Kies bestreute ebene Hausdächer. – Doch auch bei diesen Ersatzbiotopen handelt es sich oft um vorübergehende Notlösungen.

Flussregenpfeifer am Haff

Beobachtungsturm mit Blick über das Kurische Haff bis zur Nehrung

Ich hatte das Glück den kleinen Kerl – es könnte auch eine „Kerlin“ sein, denn die Geschlechter unterscheiden sich äußerlich nur unwesentlich – in seinem ursprünglichen Lebensraum zu sehen.

Zunächst fiel er mir als Winzling bei einem Blick vom Beobachtungsturm bei Dreverna auf. Um ihn genauer beobachten zu können, stieg ich hinunter.

Der zart wirkende Vogel war in Litauen am flachen, sandigen Ufer des Kurischen Haffs gerade auf Nahrungssuche. Hier fahndete er im Spülsaum nach Insekten und deren Larven, nach Spinnen, Würmern und Weichtieren wie kleinen Schnecken und winzigen Muscheln.

Blick vom Beobachtungsturm mit dem Haff und Markierungen. Kleiner Kreis: mein Standort für die Fotos; großes Oval: Aufenthaltsbereich des Flussregenpfeifers

Auffälliges Verhalten

Nicht nur das teils kontrastreiche schwarz-weiße Gefieder des Flussregenpfeifers ist auffällig, auch sein Verhalten. Um an Nahrung zu gelangen, macht er viele kleine Tippelschritte – bevor er kurz stehen bleibt und pickt.

Tippelnde Schritte bevor er den Kopf zum Picken senkt.

Hin und wieder zeigt er ein kurzes Kopfnicken, das auch als „Nickkoppen“ bekannt ist. In wissenschaftlichen Publikationen wird diskutiert, dass es Vögeln nützt, Beute zu fokussieren, weil durch die Kopfbewegung der Schärfebereich entsprechend verschoben wird. Aber auch als Zeichen von Erregung wurde das Verhalten schon gedeutet.

Am Spülsaum auf Nahrungssuche: leichtes Kopfnicken – auch Nickkoppen genannt.

Kopfnicken lässt sich bei diversen Vogelarten beobachten. Wer kennt es nicht von Tauben, die beim Gehen den Kopf vor- und zurückbewegen und so das Bild, das sie sehen, konstant halten können. Es ist eben so, dass Vögel – anders als wir – ihre Augäpfel kaum nach links und rechts oder auf und ab bewegen können. Sie kompensieren das mit nickenden und drehenden Kopfbewegungen, die von der Halsmuskulatur ausgehen.

Eins ist sicher: Uns hilft das Nickkoppen als angeborenes Bewegungsmuster den Flussregenpfeifer zu entdecken und zum Beispiel vom Flussuferläufer, der in ähnlichem Biotop vorkommt, zu unterscheiden.

Unauffällig und eine gute Tarnung ist der sandbraune Rücken des Flussregenpfeifers.

¹ Heinrich Dathe: Der Flussregenpfeifer, Die Neue Brehm-Bücherei, Bd. 93, 1953, Leipzig.
² Ein Haff ist ein Küstengewässer, das durch eine Nehrung oder durch vorgelagerte Inseln vom Hauptteil des Meeres abgetrennt ist. Der Salzgehalt ist gering, es handelt sich um einen Brackwasserbereich.
³ Dass das Überleben jeder Tierart davon abhängt, ob sie einen Lebensraum nutzen kann, der ihren Bedürfnissen entspricht, ist heutzutage selbstverständlich.

Flussregenpfeifer | Pluvier petit-gravelot | Little Ringed Plover | Charadrius dubius

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Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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