Der kecke Yacht-Besetzer

Kreuzfahrtschiff im Port de Nice und in Pfeilrichtung liegen die Yachten

Kürzlich hatte mich meine frankophile Ader nach Nizza gelockt. Es ging mir auf der Reise nicht um Vögel, sondern um die französische Kultur, Wintersonne und das Meer. Doch die gefiederte Welt hat immer Überraschungen parat: Wer hätte gedacht, dass ich gerade am Mittelmeer so nah an einen Eisvogel herankomme wie nie zuvor. Zwar hatte ich nur die kleine Kamera dabei, also im Rucksack 400 Gramm statt der üblichen 2000 Gramm und mehr, aber um gestochen scharfe Porträtaufnahmen geht es hier ja nicht.¹

Aber nun der Reihe nach.

Das Revier des Eisvogels im Yachthafen

Häfen haben für viele Menschen von der „Waterkant“ – so auch für mich – eine magische Anziehungskraft.

Östlich der Altstadt von Nizza öffnet sich der Blick auf das von Felsen gut geschützte Hafenbecken. Auch die Strandpromenade führt ans Ziel.

Vor Anker lagen ein Kreuzfahrtschiff, die schnelle Fähre nach Korsika, protzige und kleinere Motoryachten. Aber auch allerlei Segelboote überwintern hier.

Als ich noch über den Heimathafen Valletta der extrem üppigen Yachten und die berüchtigten Vogelfänger von Malta nachdachte, schupps, wer schoss da aus dem Wasser … ein Eisvogel. Keck ließ er sich auf einem der Boote nieder und schaute in die Runde.

Einen Platz finden

Auf der Relingstütze hat er platzgenommen.

Wie üblich richtete der Eisvogel seinen Blick nach unten – dorthin, wo die Nahrung schwimmt. Im klaren und ruhigen Wasser des Hafenbeckens sind die Fische nicht zu übersehen. Sie zu erwischen, ist natürlich eine andere Sache.

Um potenzielle Beute besser in den Blick zu bekommen, machen Eisvögel eigenartige Kopfbewegungen, eine Art kurzes Nicken. Auf diese Weise kompensieren sie, dass ihre Augen relativ unbeweglich und fast starr nach vorne gerichtet sind.² Und obwohl Eisvögel oft lange fast unbeweglich dasitzen, ändern sie hin und wieder ihre Position.

All das zeigt der folgende Videoausschnitt.³ Doch hielt es der kleine Kerl auf seinem Ansitz nicht lange aus. Schnell wie der Blitz düste er davon, als sich eine Gruppe vergnügter Passanten näherte.

Droht Gefahr, findet der Eisvogel im Binnenland üblicherweise im Schilf, in Weiden oder anderem Bewuchs sicheren Schutz. Oder er saust in seine ins Steilufer gebaute Bruthöhle. Der Hafen von Nizza hat all dies nicht zu bieten, und so flüchtete der kleine, blauschimmernde Vogel unter den Überstand der Kaimauer, an der die Boote vertäut werden.

Ein Unterschlupf – im wahrsten Sinne des Wortes

Ein Eisvogel am Meer?

Das Habitat des europäischen Eisvogels sind ruhig fließende Gewässer, vornehmlich Kanäle, Teiche, größere Seen… also Ufer und Böschungen in der Süßwasserzone. Was also treibt der sperlingsgroße Vogel an der Mittelmeerküste, noch dazu in einem Hafenbecken?

Auf des Rätsels Lösung stieß ich zunächst im hochgeschätzten Handbook of the Birds of the World (Barcelona 2001, Bd. 6, Seite 148): An Meeresküsten und auch in Häfen hält sich der ein oder andere Eisvogel im Winter auf, sofern es in seinem Brutgebiet zu kalt ist – also das Wasser gefriert. Fische, Krebse oder Insekten sind dann für ihn nicht erreichbar.

Die Plane, die das zusammengeklappte Sonnendach umhüllt, ist griffig.
Sitzplatz auf der Plane: Kleckereien kommen vor.

Oberhalb von Nizza führt der Weg richtung Seealpen im französisch-italienischen Grenzgebiet, wo es im Winterhalbjahr eiskalt wird. Da lohnt sich für kleinere Vogelarten eine Stippvisite vom Gebirge ans warme Mittelmeer. Offenbar war es auch für dieses Männchen die passende Entscheidung.

Übrigens ist beim Eisvogel der Geschlechtsdimorphismus gering, das heißt Herren und Damen lassen sich kaum unterscheiden. Die Männchen haben einen gänzlich schwarzen Schnabel, bei den Weibchen ist die Unterseite teilweise orange. Ansonsten gleichen sich die Geschlechter äußerlich: Bei beiden ist der Schnabel kräftig und sehr lang, der Schwanz hingegen sehr kurz, das Gefieder schimmert blau-grün, die Körperunterseite ist orange getönt, und die Zehen sind erstaunlich kurz.

Viele Vorteile

Ein Bootshafen kommt den Ansprüchen des Eisvogels in vielerlei Hinsicht entgegen: Die Fische sind am Rand in geringer Wassertiefe unterwegs, und es gibt diverse Sitzplätze, von denen aus gejagt werden kann. Die Aufbauten kleinerer Segel- und Motorboote haben zudem die Höhe von den überhängenden Zweigen, die der Eisvogel in seinem Brutgebiet als sogenannten Ansitz bevorzugt.

Festgeklammert an technischem Gerät der Heckarmatur

Und irgendwo besteht meist auch die Möglichkeit, sich mit den winzigen Zehen festzukrallen. Das ist vielleicht die größte Schwierigkeit, wenn die glatten Oberflächen aus Kunststoff oder Metall für nasse Füße extrem glitschig sind.

Manchmal sind Kerben an Schraubdeckeln die Lösung

Eisvogel: solitär und territorial

Eisvögel sind Einzelgänger, außer in der Fortpflanzungszeit, wenn sie sich paaren und für Nachwuchs sorgen. In diesen Wochen verteidigen die Männchen den Brutbereich – sind also territorial – und beteiligen sich zudem an der Fütterung der Jungen.

Im Herbst und Winter lebt der europäische Eisvogel solitär, wie wir in der Biologie sagen. Viele andere Vögel schließen sich dann zu Gruppen zusammen und leben demgegenüber sozial. Bekannte Beispiele sind die schwarmbildenden Stare und die tschilpenden Sperlingsgemeinschaften. Während eine enge Gemeinschaft bei manchen Vogelarten nützlich ist und Risiken minimiert, kommt der Eisvogel gut alleine durch.

Das liegt unter anderem an seiner Ernährung und seiner Jagdtechnik. Jeder Vogel jagt für sich, nimmt mit seinen guten Augen die Beute ins Visier und fokussiert mit Hilfe von zwei Foveas pro Auge (wir haben nur jeweils eine Fovea) und dem typischen Kopfzucken.

Hier nochmals ein Videoauschnitt dazu.

Den Luxus des Einzelgängertums – oder ist es eine Hypothek ? – können sich Eisvögel offenbar auch deshalb leisten, weil sie kaum Feinde zu fürchten haben und äußerst angriffslustig sind. Beispielsweise haben Katzen und Hunde, die sich einer Bruthöhle zu sehr nähern, das Nachsehen, und verlieren womöglich durch kräftige Schnabelhiebe das Augenlicht.

Zielstrebiger Abflug ins Versteck

Für die Vogelbeobachtung sind territoriale Vögel ein Glücksfall, denn solche Tiere kommen zurück, wenn sie ihren Platz – also eine Singwarte oder einen Ansitz – verlassen haben. Es heißt dann, abwarten und sich in Geduld üben.

Das Rezept war auch dieses Mal erfolgreich:

Nachdem der kleine Kerl erneut von seinem Posten abgeflogen war, verschwand er zunächst sehr gewandt in einer Kanalöffnung.

Womöglich hat der Eisvogel dort eine passende  Sitzgelegenheit für die Nacht oder für brenzlige Situationen.

Doch es dauerte nicht lange und er war auf seinen Lieblingsplatz zurückgekehrt. Aufrecht hockt er da, wartet auf Beute und hat Zeit. Unterdessen werden ein paar Schritte entfernt die Fische des Hafens mit Baguettestückchen gefüttert. So sorgt ein Franzose letztlich auch für das Wohlbefinden des Eisvogels.

Auf der Relingstütze: aufrecht und erwartungsvoll
Eisvogel: langer Schnabel, kurze Füße und Zehen, „Stummelschwanz“

 

¹ Meine gute LUMIX G mit lichtstarkem 400/800 mm Objektiv hätte mir bessere Fotos ermöglicht. Aber auch so scheint mir die Geschichte wert, erzählt zu werden.
² Davon hatte ich bereits in einem Blogpost über verschiedene Eisvogelarten berichtet.
³ Dieses Video und einige der Fotos stammen von W. Becker-Brüser.

Eisvogel | Martin-pêcheur | Kingfisher |  Alcedo atthis



Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

4 Kommentare zu “Der kecke Yacht-Besetzer

  1. Herzlichen Dank Elke Brüser für diese tolle Geschichte vom Eisvogel im Hafen von Nizza!
    Besonders interessant der Hinweis auf die Fovea und das Sehvermögen des Eisvogels, dank Wikipedia – und dir – gleich wieder ganz viel gelernt!
    Also wer viel über Vögel wissen und lernen möchte, muss nicht ein ganzes Buch lesen sondern sollte Elke und Ihrem Vogel-Blog folgen!
    Herzliche Grüße! Jutta Fink.

    1. Welch schönen Kommentar lese ich da am Montagmorgen. Ich danke dir, liebe unbekannte Jutta Fink. So fängt die Woche gut an und einen neuen Blogpost zu entwickeln macht noch mehr Spaß. Auch ich sende herzliche Grüße und wünsche eine gute Woche, Elke Brüser.

  2. Guten Tag!

    Ich war begeistert!
    Schon seit meiner Kindheit war ich von Eisvögeln fasziniert.
    Jetzt durch Sie zu erfahren, dass sie auch im Mittelmeerraum auftauchen. Einfach nur toll.
    Und Ihre Fotos wieder sensationell

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