Wintergoldhähnchen sind flatterhafte Zwerge und in der Tat die kleinste Vogelart, die wir in Europa haben. Sie sind nicht leicht zu entdecken, wenn sie sich zwischen Fichtenzweigen oder hinter Laub verbergen. Und das machen sie häufig.
Das Auffälligste an dem winzigen Insektenfresser ist der gelbe Scheitelstreif, der vom Schnabel aus über die Stirn nach hinten zieht. Er ist bei den männlichen Vögeln intensiv gelborange und tritt im grünlichgrauen Gefieder bei Erregung deutlich hervor. Besonders dieser gelbe Streifen verrät im Grün von Laub- und Nadelbäumen diese kleine Singvogelart.
Verräterisch ist auch das feine, sehr hohe Stimmchen, das oft zu hören ist. Denn Wintergoldhähnchen gelten als „stimmfreudig“. Ihren hellen Gesang hören allerdings nur diejenigen, deren Ohren nicht geschädigt sind und hohe Frequenzen (noch) gut wahrnehmen können.*
Auf der Suche
Im Oktober und November ist für Flachlandbewohner wie mich genaugenommen Wintergoldhähnchen-Zeit, weil viele dieser Art, die im Sommer in nordischen Ländern brüten – etwa in Skandinavien oder den baltischen Staaten – nach der Brutzeit südwärts abfliegen.¹ Manche sind in Berlin und Umgebung Durchzügler, manche überwintern hier, wenn die Witterung und das Insektenangebot es zulässt.
Da ich weiß, dass die „goldigen Vögel“ ab dem Herbst im nahegelegenen Stadtpark von Berlin-Steglitz häufig zu sehen sind, hatte ich mich kürzlich auf die Suche gemacht.
Sie zu suchen, das bedeutet insbesondere nadeltragende Bäume und Sträucher gezielt zu beobachten. Denn dort fahnden die Zwerge zwischen den Zweigen nach Insekten. Mit etwas Glück und Erfahrung lassen sie sich dabei entdecken.
Gleich bei meinem ersten Rundgang Ende Oktober fiel mir im Park ein quirliges Pärchen auf. Aber fotografieren ließen sie sich nicht. Das gelang beim zweiten Rundgang schon besser. Da tauchte plötzlich ein Männchen mit orangegelbem Scheitelstreif vor mir auf … und war wieder weg. Zufrieden war ich mit dem einzigen, immerhin etwas scharfen Foto natürlich nicht.
Beim dritten Rundgang war ich nicht erfolgreich und sogar enttäuscht. Aber der Misserfolg hatte einen handfesten Grund: Über Stunden war im Park das Grünflächenamt mit lauten Laubbläsern und Fahrzeugen für den Abtransport von Laub unterwegs. Viele Vögel waren ausgeflogen …
Neuer Plan
Ich verwarf also meinen ursprünglichen Plan, nach den Wintergoldhähnchen im Stadtpark zu suchen, und ging weiter zu einem Friedhofsgelände in der Nachbarschaft. Mit einer vielfältigen Vegetation lockt das Gelände zu jeder Jahreszeit zahlreiche Vogelarten an.
Und dort waren mir die flatterhaften Zwerge bereits im letzten Jahr durch ihr Verhalten aufgefallen.
Kleiner Tipp: Wer als Birder oder Birderin eine Vogelart sucht oder bestimmen will, sollte nicht nur Merkmale des Federkleids und des Habitus kennen, sondern auch das typische Verhalten.
Außerdem ist es nützlich, die hauptsächlichen Aufenthaltsorte zu kennen: Treibt die Art sich mehr in den Wipfeln von Bäumen oder bodennah herum? Bevorzugt sie offenes Gelände oder buschiges, Brachland oder die Nähe zum Wasser? Wo baut sie ihr Nest, wo sucht sie ihre Nahrung?
Zurück zu meiner Suche nach den kleinen Wintergästen in Berlin. Erst als ich nach einem längeren Rundgang den Friedhof schon verlassen wollte, hatte ich das erhoffte Glück: Ich beobachtete gerade Blau- und Kohlmeisen, die meist sehr zielgerichtet unterwegs sind und ganz anders als Goldhähnchen fliegen, als mir im Gebüsch ein ungerichtetes Flattern auffiel. Tatsächlich handelte es sich um ein Wintergoldhähnchen.
„Flatterhaft“
Warum ich von „flatterhaften Zwergen“ spreche, möchte ich erklären: Wintergoldhähnchen fliegen in der Regel nicht schnurstracks geradeaus oder von rechts nach links, sondern flattern auf für uns unvorhersagbaren Bahnen durch die Luft.
Während der Nahrungssuche legen sie meist nur kleine Strecken zurück und verschwinden bei Ortswechseln so schnell zwischen den Zweigen, wie sie daraus hervorgeschossen kommen.²
Doch dieses Mal war ich vorbereitet und hatte schon zuvor die Kamera auf die Option Serienfotos eingestellt. Aus dieser Serie stammen die folgenden Fotos.
Flinke Nahrungssuche
Kaum hatte ich die Fotos „im Kasten“, war das Wintergoldhähnchen – ein weiblicher Vogel – schon wieder verschwunden. Ich entdeckte es aber kurz darauf in einer größeren Fichte und möchte auf ein weiteres Merkmal aufmerksam machen: Das dunkle Auge.
Das markante Auge ist von hellen Federchen umgeben und wirkt wie ein puppenartiges Knopfauge. Nicht nur auf dem letzten Foto der vierteiligen Fotoserie ist es unübersehbar, sondern auch im schummrigen Licht zwischen Fichtenzweigen durchaus noch erkennbar.
Lars Svensson charakterisiert in Der Kosmos Vogelführer das eindrucksvolle Gesicht des eher kompakten, rundlichen Vogels stichwortartig und sehr treffend so
… wie ein Pfefferkorn hervorstechend schwarzes Auge wirkt im sonst hellen, kontrastreichen Gesicht groß.
Dem Wintergoldähnchen bei seiner Nahrungssuche im Geäst zuzuschauen, ist äußerst unterhaltsam. Die Vögel sind sehr wendig, was zu ihrer rundlichen Gestalt passt, und sie nehmen allerlei kuriose Posen ein. Und das Flatterhafte ist auch hier nicht zu übersehen.
Wie dieser Eindruck zustande kommt, hat die Innsbrucker Verhaltensbiologin Ellen Thaler in Die Goldhähnchen (Die Neue Brehm-Bücherei, Band 597) sehr lesenswert beschrieben, Seite 23
Bevorzugter Aufenthalt während der Futtersuche sind die buschigen Kammäste alter Fichten. Besonders deren Unterseite wird minutiös abgesucht, das Wintergoldhähnchen bewegt, sich darin hüpfend, flatternd, schlüpfend, an vertikalen Ästchen seitlich hängend vorwärts, schiebt sich dabei durch dichtestes Geäst, ist für den nahen Beobachter oft völlig verschwunden, bis es sekundenschnell auftaucht, kurze Schwirrflüge vor Zweigspitzen vollführt und wieder im Zweige untertaucht. Es bewegt sich zwar pausenlos, kommt aber relativ langsam voran. Kann man es aus nächster Nähe beobachten (…), so erkennt man, dass es ständig zupickt und schluckt.
Nachvollziehbar werden ihre Sätze vermutlich bei dem folgenden Video. Es stammt von dem weiblichen Wintergoldhähnchen, das auf dem Friedhofsgelände von Berlin-Steglitz mit den Meisen unterwegs war.
Wer mehr über die Goldhähnchen, also das Wintergoldhähnchen und das verwandte Sommergoldhähnchen, erfahren möchte, dem empfehle ich die gleichnamige Monographie aus der Reihe Die Neue Brehm-Bücherei, die auf der Grundlage der Doktorarbeit von Ellen Thaler entstanden ist.
¹ Andere Populationen brüten in den hiesigen Mittelgebirgen mit reichlich Fichtenbestand wie dem Harz, dem Thüringer Wald oder dem Schwarzwald.
² Ein Foto oder Video von fliegenden Wintergoldhähnchen zu machen, ist also eine Herausforderung. Noch habe ich keins.
* Ich habe mich als Autorin eines Ratgebers der Stiftung Warentest Besser hören mit dieser Thematik ausführlich beschäftigt und kann nur dazu raten, Hörverluste durch Hörgeräte auszugleichen, und so auch wieder mehr Vögel zu hören. Dazu gibt es einen aktuellen Artikel von Stefan Bosch in Der Falke 10/2025 mit dem Titel Hilfe bei Hörverlusten: Den Vögeln wieder lauschen.
** Die Verhaltensbiologin Ellen Thaler hat wunderbare Skizzen und Zeichnungen von Goldhähnchen angefertigt, was möglich war, weil sie die Vögel sowohl in der Natur beobachtet als auch in großen Volieren gehalten hat. Ich durfte ihre Grafiken aus Die Goldhähnchen (Die Neue Brehm-Bücherei, Band 597, 1990, Ziemsen Verlag/VerlagsKG Wolf) für diesen Blogbeitrag verwenden.
Wintergoldhähnchen | Roitelet huppé | Goldcrest | Regulus regulus






































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