Die blaue Amsel

25. Mai 2024 | Kleine Vögel | 2 Kommentare

Ein matt-blau befiederter Vogel in Amselgröße sitzt auf einem rauen Fels. Hinter ihm dunkles Wasser.

Der Vogel, der wie eine blaue Amsel aussieht, heißt Blaumerle, und ist gar keine Amsel.¹ Vielmehr gehört er in die Schnäpperverwandtschaft wie Rotkehlchen, Gartenrotschwanz und die Steinschmätzer. Die Blaumerle – also Monticola solitarius – ist scheu, und sie in ihrem typischen Lebensraum zu entdecken, ist nicht leicht. Außer sie singt gerade.

Dass wir sie selten zu Gesicht bekommen, hat zwei Gründe:
Dieser Vogel lebt in felsenreichen, steinigen Landschaften. Das kann im Hochgebirge sein, aber auch an felsigen Küsten. Mit anderen Worten, es ist für neugierige Menschen oft aufwändig, seinen Lebensraum zu erreichen.
Außerdem hat der knapp amselgroße Vogel ein Gefieder dessen Farbton vom Licht und den Farben der Umwelt stark beeinflusst wird. Mal glänzt es stahlblau, mal überwiegen Grautöne, dann wieder – zumal bei den weiblichen Vögeln – herrschen die Brauntöne vor.

In einer Bergregion wie den Alpen sitzen drei Vögel auf einem Fels, auf dem Edelweiß blüht. Die drei Vögel sind Blaumerlen: ganz oben ein junger Vogel, darunter ein bräunlicher weiblicher Vogel, unten der männliche in blau getöntem Gefieder

 

Grafik aus
Johann F. Naumann
Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas
1887-1905, 3. Aufl.
Bd. 1, Tafel XIV

 

Abgebildete Vögel

oben ein bräunlicher Jungvogel

darunter die weibliche Blaumerle

unten die männliche Blaumerle

Die Federkleider von männlicher und weiblicher Blaumerle sind in vielen Bestimmungsbüchern und so auch im „Naumann“ sehr unterschiedlich dargestellt: vorwiegend braun die Dame, stahlblau der Herr.

Aber das zuverlässige Handbuch der Vögel Mitteleuropas (Hrsg. Urs N. Glutz von Blotzheim u.a., Bd. 11,1) warnt, dass das mit dem äußerlich erkennbaren Geschlechtsunterschieden kompliziert ist. Auf Seite 701 lese ich: Diese Vögel

zeigen im natürlichen Milieu derart wechselnde Farbeindrücke, daß das Ansprechen des Geschlechtes oft nahezu unmöglich ist, bis der Vogel fliegt oder in günstige Beleuchtung gerät.

Da hatte ich in diesem Fall Glück: Jene Blaumerle, die ich länger beobachten konnte, schien die Sonne zu genießen und saß gut im Licht. Es war eindeutig ein männliches Tier.

Felsiger Lebensraum

Zerklüftetes Felsgestein mit geringem Bewuchs. Darüber blauer HImmel. Blaumerlen bewohnen steile, teils überhängende Felswände mit vielen Spalten und Höhlen, wo sie ihre Nahrung finden und wo sie auch brüten.

Sie sind sowohl Wartenjäger als auch Streifsuchjäger. Das heißt, sie stürzen sich von einer erhöhten Warte aus, etwa einer Felsspitze oder einem Feigenkaktus, auf Beute am Boden, oder sie hüpfen beziehungsweise laufen im Fels herum, um so ein Beutetier zu erhaschen. Häufig starten sie von der Warte aus eine kurze Flugjagd auf fliegende Insekten.

In Höhen bis zu 3000 m ü.M. ist in sonnigen Regionen mit der Blaumerle zu rechnen. Rund um das Mittelmeer können wir sie mit etwas Glück und Ausdauer in felsigen Gebieten beobachten.

Die Blaumerlen haben ein insgesamt großes Verbreitungsgebiet. Es erstreckt sich vom Mittelmeer über die Türkei und den Kaukasus hinaus bis weit in den Osten, reicht bis nach China und Japan. Selbst in Malaysia kommen sie vor. Im östlichen Verbreitungsgebiet leben allerdings Unterarten, die blasser – also weniger blau – gefärbt sind als die europäischen Vertreter.

Ich entdeckte Mitte April in der spanischen Extremadura einen Vertreter der Art Monticola solitarius ² und zwar im wundervollen Nationalpark Monfragüe, den viele Menschen besuchen, um Gänsegeier, Schmutzgeier und Mönchsgeier zu beobachten.Eine Landkarte von Spanien, in die der Nationalpark markiert und durch einen gelb hinterlegten HInweis definiert ist.

Ein schroffer Fels steigt vor blauem Himmel von einem dunklen Wasser auf. Er ist unten teilweise mit Gebüsch bewachsen.

Salto del Gitano

Dort treffen am Aussichtspunkt Salto del Gitano eindrucksvolle Felsen und das Wasser des Flusses Tajo aufeinander. Es gibt viel Gebüsch, und in den Felsspalten wachsen Gräser. Heuschrecken und kleinere geflügelte Insekten, Ameisen, Spinnen und Eidechsen leben hier. Solche Lebensbedingungen gefallen nicht nur der Blaumerle, sondern auch den Felsenschwalben, die am Ufer und über dem Wasser Fluginsekten jagen.

Ein blauer Vogel sitzt auf einem Fels und schaut zu einem bräunlichen, der an ihm vorbeifliegt.

Eine Felsenschwalbe saust an der Blaumerle vorbei.

Gut kaschiert

Blaumerlen sitzen gerne etwas erhöht, um dort zu singen oder nach Nahrung Ausschau zu halten. Solche Warten suchen sie immer wieder auf. Darum sah ich sie nicht nur mittags, sondern auch gegen Abend bei gänzlich anderen Lichtverhältnissen — faktisch am selben Ort. Das Gestein war nun grau und das Wasser schimmerte grünlich.

Vogelbegeisterte, die hier nur nach oben schauen, um die vielen kreisenden Geier zu beobachten, werden die unauffällige, knapp amselgroße Blaumerle vemutlich übersehen.³

Auf einem Felsen am Wasser steht ein blau-gefärbter Vogel.

Blaumerle in der Abendsonne

Leider hatte diese Blaumerle nicht gesungen. Ihr Gesang wird als melodiös und flötend beschrieben. Es kommen auch raue Töne in den Strophen aus drei bis fünf Silben vor. Typische Strophen werden zum Beispiel als „türididi-türididi“ oder „trui-tri-de-trui-dä“ in Lautsprache übersetzt. – Wer den Gesang der Blaumerle hören möchte, findet bei xeno-canto gute Tonaufnahmen aus Frankreich, Italien, dem Iran und vielen anderen Ländern. Einfach in der Suche den Artnamen eintragen.

Exkurs: Messiaen und die Blaumerle

Von dem Gesang des blauen Vogels ließ sich auch der französische Komponist Olivier Messiaen beeindrucken. Er war ein guter Kenner des Vogelgesangs und ließ sich beim Komponieren von Vögeln inspirieren. Neben zwölf anderen Vogelarten hat die Blaumerle als Le Merle bleu ² Eingang in sein Klavierwerk Catalogue d’Oiseaux gefunden.

Ein blauer Vogel steht auf nacktem Fels am Ufer eines Flusses.

Die Warte: erhöhter Ausguck der Blaumerle

Vor grauem Felsgestein fliegt ein blauer Vogel schräg nach unten.

Vor dunklem Felsgestein lässt sich die abfliegende Blaumerle kaum erkennen.

Mich hat das stahlblaue Gefieder der „blauen Amsel” in seiner lichtabhängig changierenden Tönung total begeistert. Dass die Blaumerle nach ihrem plötzlichen Abflug unauffindbar war, ist nicht verwunderlich. Entweder saß sie gut verborgen im Schatten von Felsgestein, oder sie war in eine Felsspalte geschlüpft.

¹ Das ist vielleicht verwirrend, mag jedoch interessant sein: Die Blaumerle heißt auf Französisch Merle bleu, wobei das Wort merle nichts anderes als Amsel bedeutet und so ins Deutsche zu übersetzen ist. Neuerdings wird sie in Frankreich, ornithologisch richtiger, als Monticole merle-bleue bezeichnet.
² Der wissenschaftliche Name Monticola solitarius bezieht sich nicht auf das Gefieder, sondern die Lebensweise des Vogels. In dem Wort monticola stecken der Berg (mons; lat.) und der Bewohner (incola; lat.). Und das Wort solitarius ist eine Ableitung von solis (allein; lat). und bedeutet einsam, ungesellig.
³ Von den Geiern, speziell den nistenden Gänsegeiern und ihren Jungen, werde ich natürlich noch berichten.

Blaumerle | Merle bleue (= Monticole merle-bleue) | Blue Rock Trush | Monticola solitarius

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

2 Kommentare

  1. Hallo Elke

    Danke für dein Blogpost. Wir haben in verschieden Jahre, in Februar, März, April und Mai die Blaumerle am gleichen Ort wie Du beobachten können. Leider auch immer ohne Gesang.

    Man kann Sie auch, aber weniger gut, beobachten in Les Alpilles bei Les Baux.

    Liebe grüsse
    Henk

    Antworten
    • Das ist ja interessant! Ja, viele Vögel sind gewissermaßen standorttreu – inklusive ihrer Nachkommen. Danke Henk.

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Abo-Werbung für den Blog "Flügelschlag und Leisetreter" mit einem Specht, ein Kunstwerk von M. Garff

Vogel gesucht?

Gut sortiert

5 von 749 Kommentaren

Alle sind vollständig unter dem zugehörigen Blogbeitrag zu lesen.

  • Daniela G. zu Waldohreulen: Vorhang auf!Liebe Elke, vielen Dank für den schönen Beitrag über die Waldohreulen. Ich wollte mich ein wenig informieren, denn wir haben seit zwei Wochen immer wieder bis zu 6 Gäste dieser Art im Garten. Sie sind…
  • Elke Brüser zu Sieben auf einen StreichLeider sind aus den sieben nun fünf Jungschwäne geworden. Aber wenn die alle durchkommen, wäre das auch schon ein schöner Erfolg für das Schwanenpaar und die Stadtnatur.
  • Wolfgang zu Sieben auf einen StreichSchöner Blogpost. Leben denn noch alle Jungschwäne?
  • Elke Brüser zu Schilderwald im NaturschutzDas ist natürlich durchaus eine möglich Sichtweise. Ich halte es grundsätzlich für wichtig, dass Menschen sich in der Natur und gegenüber den Lebewesen, die dort "wohnen", respektvoll verhalten. Mache…
  • Johannes Schumann zu Schilderwald im NaturschutzIch kann die Kritik nicht teilen. Das Problem ist doch nicht, dass es unterschiedliche Schilder gibt. Dass es ein Naturschutzgebiet ist, das ist aufgedruckt. Es sind keine Verkehrsschilder, bei denen…

Birding

Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

Cookie Consent mit Real Cookie Banner