Staunen über den Strauß

Männlicher Strauß sitzend undweiblicher stehend inder beige-gelben Savanne
Im Etosha-Nationalpark von Namibia steht ein weiblicher Strauß, zwei Kolleginnen sitzen – und vorne ein männlicher Artgenosse.

Einen Strauß mit seiner Körperhöhe von bis zu 2,75 m zu entdecken, ist wirklich ein Kinderspiel. Zumal er ja nicht verborgen im dichten Gebüsch oder gar im Wald lebt, sondern ein Vogel der offenen und eher trockenen Savanne ist. Allerdings gibt es bei diesen kräftigen Laufvögeln eine Menge zu bestaunen, z.B. wie respektvoll sie einander begegnen, wie viel Staub sie aufwirbeln können und was alles unter ihrem Federkleid zum Vorschein kommt. Aber der Reihe nach.

Früher lebten Strauße auch in Südeuropa und quer durch Asien bis in die Mongolei. Heutzutage gibt es nur noch die afrikanischen Strauße, die südlich der Sahara in einem breiten Streifen zwischen West- und Ostafrika anzutreffen sind.¹ Ihr Lebensraum erstreckt sich im Osten bis in den Süden Tansanias. Außerdem sieht man Strauße im südwestlichen Afrika, und dort – in Namibia – habe ich sie beobachten können.²

Etwa ein Dutzend antilopen und dazwischen gehen zwei aufrechte Strauße
Unter Springböcke mischen sich Strauße häufiger.

Bei der südwest-afrikanischen Unterart (Struthio camelus australis) ist der Hals nicht rötlich getönt wie etwa bei den ostafrikanischen Verwandten, sondern grau bis sandfarben. Und das Schwanzgefieder ist in Namibia beim Männchen nicht reinweiß, sondern blassrosa. (Handbook of the Birds of the World, Hrsg. Josep del Hoyo u.a., Barcelona, 1992, Bd.1, Tafel 1, S. 83)

Nützliche Allianzen

Der Straußenkopf von vorne mit großen Augen und langenWimpernManchmal sieht man in den weiten Ebenen Afrikas Einzeltiere dahinschreiten, öfter sind Strauße jedoch in kleineren Gruppen unterwegs.

Vor allem in der Fortpflanzungszeit verteidigen Männchen ihre Reviere vehement gegenüber männlichen Artgenossen. Weggejagt werden dann auch “ungeliebte” weibliche Strauße und Jungtiere.

Ganz typisch ist, dass diese mächtigen, flugunfähigen Vögel sich mit Huftieren wie den Springböcken vergesellschaften und so quasi Sicherheits-Allianzen bilden. Das konnte ich immer wieder beobachten.

Die im Durchmesser 5 cm großen Augen mit langen Wimpern sind die größten aller Landwirbeltiere. Und die enorme Körperhöhe der afrikanischen Strauße ist – auch wenn weibliche Vögel „nur“ bis zu 1,90 m messen – in der meist baumlosen Savanne natürlich ein Sicherheitsfaktor.

Strauß mit braunem Gefieder - also weiblich -schreitet zwischen niedrigen Pflanzen auf sandigem Boden.
Weiblicher Strauß mit dem für Weibchen typischen, braunen Gefieder.
Schwarz gefiderter männlicher Strauß und davor ein braungefiedertes Weibchen.
Vorne ein weiblicher, dahinter ein männlicher Strauß, dessen Gefieder schwarz ist – bis auf die weißen Schmuckfedern, die er bei der Balz zeigt.

Denn während Huftiere wie etwa Springböcke oder Impalas mit ihrem guten Geruchssinn und empfindsamen Ohren nach potenziellen Gefahren fahnden, machen das die Strauße – wie schon erwähnt – mit ihren sehr guten Augen und einem langen Hals, der auch im Sitzen noch für gute Übersicht sorgt.

Zwei männliche Strauße, die mit langem Hals die Umgebung scannen.

Zwischendurch Sandbaden

Hierzulande sehen wir Vögel oft in flachen Pfützen oder am Gewässerrand baden. Aber wer kennt nicht die sandbadenden Sperlinge, die manchmal kein Ende finden. Strauße können da nicht wählen: Ihre Körpergröße, ein fluschiges Gefieder – das sich wegen der fehlenden Bürzeldrüse nicht einfetten lässt – und die Trockenheit ihrer Umwelt verhindern, dass sie feucht baden.

Zwei Strauße sitzen in der Savanne und sind von feinen Staubwolken umgeben
Strauß beim Sandbad

Bei ihren ausgiebigen Sandbädern wirbeln Strauße mit den Flügeln reichlich Staub auf, der sich fein verteilt auf dem Federkleid niederlässt und sie vor Milben und anderen Parasiten schützt.

Während ich dem staubigen Treiben zuschaute, ergab sich eine kleine Beobachtung am Rande: An zwei sandbadenden Vögeln wollte ein dritter Strauß vorbei, ohne großartig zu stören oder Ärger zu bekommen. Er tat das mit viel Respekt, denn zwischen Gruppenmitgliedern besteht eine strenge Rangordnung.

Der folgende Videoausschnitt hält fest, wie die Straußendame demütig den Kopf senkt – beziehungsweise den Hals U-förmig biegt – und langsam an den Kollegen vorbeischreitet. Diese hatten zwischenzeitlich das Staubaufwirbeln reduziert, ohne sich von der „Passantin“ allzu sehr irritieren zu lassen.

Kurz darauf sehen wir einen Vogel, der sich gerade erhoben hat und mit den Flügeln schlägt, um Staub und Prasiten loszuwerden. Das ermöglicht uns, ihm unter den „Rock” zu schauen. Und das ist unübersehbar: Während ihm oben stattliche Federn wachsen, ist der Strauß von unten praktisch nackt. Fliegen kann er bekanntlich nicht, aber kurzfristig mit 70 kmh und für eine halbe Stunde mit Tempo 50 kmh zu rennen, das geht. Und bei solchen Geschwindigkeiten helfen ihm angeblich die ausgebreiteten Flügel in der Balance zu bleiben.

Wird das Federkleid geschüttelt, offenbart sich, wie locker und unvollständig die Befiederung ist.

Verborgenes Organ

Wie es der Zufall will, ergab es sich tags darauf, dass wir am Rande der lockeren Baumsavanne Namibias einigen Straußen beim Fressen zusehen konnten. Sie sind hauptsächlich Vegetarier und knapsen gerne saftige Halme oder das frische Grün von Büschen ab.

Ein männlicher Strauß pickte aus dem Boden trockene Früchte oder Samen. Denn weil es in Namibia lange nicht geregnet hatte, spross nirgends im Etosha-Nationalpark frisches Grün. Gerade in solchen Zeiten, schnappen sich Strauße auch kleine Wirbeltiere und Insekten. Übrigens nehmen sie auch Steinchen auf, die im Magen beim Zermahlen der Nahrung helfen sollen.

Und dann kam bei dem hungrigen Strauß zum Vorschein, was in der Regel verborgen ist: der Penis.

Begattung mit und ohne Penis

Ausgang von Darm, Harnleiter und Geschlechtsprodukten unter dem Schwanz

Außer bei den Straußen und nah verwandten Arten wie den Emus und Kasuaren haben nur männliche Gänse- und Entenvögel ein prominentes Begattungsorgan, das für den Akt des Samentransfers ausgestülpt wird.

Die Mehrzahl der Vögel nutzt bei der Fortpflanzung ein solches Hilfsmittel nicht, sondern weibliches und männliches Tier pressen einfach ihre Kloakenausgänge aufeinander. – Übrigens wird mit Kloake die gemeinsame Körperöffnung für Darm, Harnleiter und die Wege der Geschlechtsorgane bezeichnet.

Bei Vogelarten mit einem ausstülpbaren Begattungsorgan fließt die Samenflüssigkeit allerdings nicht durch einen geschlossenen Kanal im Penis, sondern in einer äußeren Rinne. Doch bereits das macht den Samentransfer zuverlässiger als den „Kloakenkuss“ – wie er auch genannt wird.³

Darüber hinaus gibt es in Sachen Penis viele Unterschiede zwischen den Vogelarten. Manchmal ist er extrem lang, manchmal spiralig gedreht, mal bildet er sich immer erst zu Fortpflanzungszeit aus…

Ein aufrecht stehender Strauß vor Buschwerk in der Savanne, unter dem Schwanz ist ein rosa Penis sichtbar.
Der rosafarbene, ausgefahrene Penis ist gut erkennbar.

Mit dem Penis von Vogel Strauß hat es eine spezielle Bewandtnis: Er ist nicht immer sichtbar, aber immer da. Denn er liegt meist eingezogen im Kloakenraum – also vor dem Ausgang. Das hat Folgen: Ausgestülpt wird er nicht nur zur Paarungszeit, sondern jedes Mal, wenn der Vogel sich entleert. Da muss er Platz schaffen – also Penis ausstülpen, Kot absetzen, Penis einfahren. Das war der kurze Moment, den ich zufällig mit zwei Fotos erwischt habe.

der rosafarbene Penis ist unter dem Schwanz des Straußes zu sehen
Der Penis wird zurückgefahren, und am Boden liegt die “krümelige” Ausscheidung.

Spannende Fragen

Übrigens gab es unter Wissenschaftlern lange Zeit Diskussionen darüber, wie die Erektion beim Strauß und seinen Verwandten zustande kommt. Fließt bei diesen stammesgeschichtlich sehr alten Vögeln Blut in Gefäße des Penis, wie dies bei Reptilien der Fall ist, von denen sie ja abstammen? Oder ist es Lymphe wie bei den stammesgeschichtlich jüngeren Vögeln, die mit einem Penis ausgestattet sind?

Zwei Strausse sitzen nah beieinander auf dem trockenen Boden und recken die Hälse hoch.
Männlicher (links) und weiblicher Strauß (rechts) in einer Ruhephase – aber immer wachsam.

Offenbar hat ein deutscher Forscher schon vor 100 Jahren die Sache richtig erkannt. Zwar ist die Originalpublikation von diesem Herrn Grimpe verschollen, und es existieren nur entsprechende Zitate. Doch die Entdeckung schwammartiger Kissen in der Wand der Kloake, die heute paralymphatische Körper heißen, wird ihm zugeschrieben. Von dort gelangt die Lymphe in den Penis. Erst vor wenigen Jahren ließ sich durch Gewebeschnitte endgültig nachweisen, dass beim Strauß und auch beim nah verwandten Emu nicht Blut, sondern Lymphe die Erektion und den Samentransfer befördern. Aber Details zu dem Mechanismus sind noch ungeklärt, schreiben die Autoren der Studie.4

Klar ist aber nun: Der Wechsel von Blut zu Lymphe als “Erektionsförderer” ist in der Evolution der Vögel früh entstanden. Die Biologie ist eine spannende Wissenschaft. Oder?

1 Strauße in der Region von Somalia werden neuerdings als eigene Art (Struthio molybdophanes) geführt, alle anderen Varianten sind Unterarten von Struthio camelus.
2 Eingeführt wurden Strauße u.a. in Australien. In Europa gibt es viele Straußenfarmen, längst auch in Deutschland.
3 Handbook of Bird Biology, Hrsg. I.J. Lovette & J.W. Fitzpatrick, Wiley, 2016 (3. Aufl.) S. 198
4 P.L.R. Brennan & R.O. Prum: The erection mechanism of ratite penis, Journal of Zoology, 286, 2012, S. 140-144

Strauß | Autruche d‘Afrique | Ostrich | Struthio camelus



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