Löffler im Spätsommer

04. September 2025 | Große Vögel | 0 Kommentare

Mündungszone der Somme bei auflaufendem Wasser. Vorne: Löffler, hinten: Lachmöwen.

In Spanien konnte ich im Mai 2024 einen Löffler in seinem attraktiven Brutkleid aus der Nähe beobachten. Er hatte sich von seiner Gruppe etwas entfernt hatte. Das ist eher ungewöhnlich, denn Löffler sind äußerst soziale Wesen. Nicht nur wenn sie im Wasser nach Nahrung fischen, sind sie grüppchenweise unterwegs, sie brüten auch kolonieartig zusammen; am häufigsten im Schilf mit geringem Abstand zueinander.

Löffler sind bekanntermaßen untereinander sehr verträglich und vertragen sich auch mit anderen Vogelarten gut. Insbesondere mit Reihern – so wird immer wieder berichtet – verstehen sie sich gut.

Im überfluteten Bereich suchen vier Löffler, zwei Seidenreiher und zwei junge Lachmöwen nach Nahrung.

Zuletzt habe ich die Vögel in einem ausgedehnten Schutzgebiet in Nordfrankreich beobachten können. Dort fischten sie im Flachwasser der Somme, deren Mündung ein riesiges Ästuar bildet. Bei Ebbe zieht sich das Wasser weiter zurück als das Auge reicht. Bei Flut füllt es den kleinen Hafen von Le Crotoy, wo mir kürzlich junge, bereits flügge Rauchschwalben aufgefallen waren.

Der löffelförmige Schnabel wird tief ins Wasser gesenkt.

Auch die gelb-orange Kehle ist ein Löffler-Kennzeichen.*

Mit der Flut wird nicht nur allerlei Getier aus dem Atlantik in die Sommemündung gedrückt, es kommen auch viele tausend Seevögel, die sich von den kleinen Fischen, Krebschen und Schnecken, die mit dem auflaufenden Wasser angespült werden, ernähren.**

Unter diesen Vögeln sind auch die attraktiven Löffler, die vermutlich in einem naturnahen Vogelpark, dem Parc du Marquenterre brüten. Dort sind vor vielen Jahren schilf-bestandene Tümpel angelegt worden. Zu sehen, waren jedenfalls im Spätsommer an der Somme adulte und auch junge Vögel.***

Die Lage des Vogelparks am Rand der Sommemündung.

Unterschiede im Aussehen von Alt und Jung

Alt und Jung sind zunächst an ihren Schnäbeln zu unterscheiden: Schwarz sind sie bei den erwachsenen Löfflern und besitzen dann an ihrem verbreiterten Ende einen auffälligen ockergelben Bereich. Hellgrau mit einem Einschlag von Rosa, also mehr oder minder fleischfarben, sind die Schnäbel der Jungvögel.

Dieser Unterschied von Alt und Jung lässt sich bei den im Flachwasser fischenden Vögeln bei guten Lichtverhältnissen durchaus erkennen. Denn hin und wieder heben sie den Kopf. Dann wird auch deutlich, was Johann Friedrich Naumann, der angesehene Ornithologe des 19. Jahrhunderts, so anschaulich über den rund 20 cm langen Schnabel des Löfflers in seinem Klassiker¹ schrieb, Seite 5.

Der Schnabel ist von höchst auffallender Gestalt, gross, lang, gerade, von oben und unten, sehr platt gedrückt, daher von unbedeutender Höhe, aber großer Breite, beides am meisten nach vorne zu, wo er sich allmählich zu einem breiten, dünnen oder ganz flachen Spatel erweitert. Beide Hälften passen ohne Höhlung platt aufeinander …

Und weiter unten im Text  lese ich über den Schnabel, Seite 9

Dieser mehr als mittelgroße, stattliche Vogel gehört hauptsächlich seines sonderbar gestalteten Schnabels wegen zu den auffallendsten Gestalten, welche die Vogelwelt uns bietet. Dieser Schnabel scheint auch viel zu groß für den kleinen Kopf, den langen, dünnen Hals und den eiförmigen, wenig zusammengedrückten, übrigens robusten Rumpf, welcher wieder auf zu schwach erscheinenden oder zu hohen Beinen ruht.

Schnabel eines adulten Löfflers. Im Brutkleid ist die orange-gelbe Zone viel markanter.

Hier fischt ein junger Löffler: fleischfarbener Schnabel. Auch sein Artgenosse ist jung: schwarze Flügelspitzen.

Der zweite Unterschied zwischen Alt und Jung zeigt sich beim ruhenden Vogel und im Flug: Rein weiß, ist das Gefieder der ausgewachsenen Löffler, wohingegen sich an den Flügelspitzen der jüngeren Vögel ein schwarzer Saum zeigt. Er entsteht dadurch, dass die Federn der langen Handschwingen schwarze Spitzen tragen.

Links: junger Löffler mit dem schwarzem Saum an den Flügelspitzen. Neben ihm: drei Seidenreiher.

Ich konnte diesen Unterschied bereits im Frühjahr auf Neuwerk beobachten, als dort eine Gruppe von Löfflern bei grauem, norddeutschem Schietwetter im Watt unterwegs war.

Eindeutig: ein junger Löffler vor Neuwerk

Unermüdlich betteln

Im August sind die Nachkommen aus der Brutsaison im Prinzip schon selbstständig. Aber das gilt nicht für alle, zumal sie sich gerne wochenlang füttern lassen. Jedenfalls fiel mir in dem schönen Parc du Marquenterre, diesem Refugium für viele Vögel an der Sommemündung, ein junger Löffler auf, der einen Altvogel nicht in Ruhe ließ. Immerzu lief er mit ausladenden Schritten und bettelnden Bewegungen hinter ihm her. Doch der oder die Angebettelte wollten partout kein Futter liefern.

Ein bettelnder Jungvogel (rechts), der hinter einem Altvogel herläuft.

Kein Entkommen: der junge Löffler bleibt dem alten auf den Fersen.

Das Paar mit unterschiedlichen Interessen befand sich auf einer Art Sandbank, wo sich etwa 50 Löffler und mindestens ebenso viele Stockenten aufhielten. Die Enten ruhten. Das tat ein kleinerer Teil der Löffler ebenfalls, während die anderen mit der Gefiederpflege beschäftigt waren.

Wenn’s am Hals juckt, hilft der Fuß.

Kein Wunder: Der August ist für viele Vögel die Zeit des Gefiederwechsels. Es ist Mauserzeit. Und wenn sich neue Federn durch die Haut schieben, fallen die alten aus. Sie fallen aber nicht ohne weiteres zu Boden oder ins Wasser, sondern bleiben in der Regel im Federkleid  hängen.

Dort stören sie die Vögel, die sich das verschlissene Federzeug herauszupfen, auch mal mit dem Fuß nachhelfen und sich manchmal kräftig schütteln, um es loszuwerden.

Ich habe schon früher einmal geschrieben: Man hat den Eindruck, dass vielen Vögeln in der Mauserzeit das Fell juckt. Aber zurück zu dem bettelnden Jungvogel.

Wenn Löffler betteln

Die jungen Bettler – wie der hier abgebildete – machen mit dem Kopf ständig Auf- und Abwärts-Bewegungen. Diese sehen wie ein Pumpen aus und werden in der ornithologischen Literatur zum Beispiel als ein „Kopfverneigen“ beschrieben.

Junger Bettler verfolgt Altvogel.

Ich denke, das folgende Video illustriert die Art der Bewegung recht gut. Das Pumpen zeigen junge, bereits flügge Löffler beispielsweise, wenn sie vor einem Altvogel stehen – der ein Elternteil sein kann, aber nicht sein muss. Sie hören damit nicht auf, wenn dieser sich aus dem Staub macht und sie ihm nachlaufen müssen.
Auch das illustriert das etwas längere Video, das bei heftigem Wind durch die Luke eines Beobachtunghäuschens aufgenommen ist.

Der Videoausschnitt macht nicht nur das permanente Hinterherlaufen des Jungvogels deutlich, sondern auch die Technik, mit der er versucht, Nahrung aus dem Schnabel beziehungsweise Schlund des Altvogels zu ergattern. Dieser würgt sie nicht wie ein Storch hervor und speit sie ins Nest oder übergibt sie an den Nachwuchs. Der junge Löffler muss sie sich selbst holen.

Hungriger Jungvogel – sein Schnabel ist geschwärzt.
(Zeichnung E. Brüser, verändert nach Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Hrsg.: Urs N. Glutz von Blotzheim, u.a. Bd. 1)

Der kleine Nimmersatt besorgt sich angedaute Nahrung aus dem Schlund des Altvogels, indem er seinen Schnabel tief hineinsteckt. (Zum Glück ist der abgerundet und nicht spitz wie beim Storch. Zudem ist der Schnabel des jungen Löfflers noch weich und härtet erst mit der Zeit aus.)

Im obigen Video ist diese Aktion gegen Ende erfasst. Leider ist nicht eindeutig zu sehen, ob der Jungvogel erfolgreich ist. Jedenfalls bettelt er weiter und rennt unablässig hinter dem Altvogel her. Der läuft vorwärts und seitwärts davon. Zuletzt sah ich ihn abfliegen …

¹ Johann Friedrich Naumann: Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd. VII, S.1 ff.

*Alle Farbtöne des Vogels sind im Prachtkleid oder Brutkleid intensiver als im Spätsommer.
** Mal sind die Vögel weit draußen auf dem Meer, mal in Hafen- bzw. Strandnähe zu sehen. Das hängt jeweils vom Stand des Wassers ab.
*** Im Herbst rasten in dieser Region besonders viele Zugvögel, die teils aus dem Wattenmeer an der deutschen, niederländischen und belgischen Nordseeküste kommen.

Löffler | Spatule blanche | Eurasian Spoonbill | Platalea leucorodia

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Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Am Rand von Feldern, einem Teich und dörflicher Umgebung steht etwas erhöht ein grau-brauner hühnerartiger Vogel.

2026 Das Rebhuhn

Drei dunkle Hausrotschwänze in einer Grafik. Links der weibliche Vogel rechts davon der männliche, beide mit roten Schwanzfedern. Der männliche Vogel ist an weißen Federn am Kopf und auf den Flügeln zu erkennen. Ganz rechts auf der Grafik und neben den Eltern ein dunkelbraun-grauer Jungvogel.

2025 Der Hausrotschwanz

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Das Rotkehlchen

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Der Wiedehopf

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Drei schwarzköpfige Möwen im sogenannten Prachtkleid oder Brutkleid. In der Mitte steht die Lachmöwe mit orangerotem Schnabel und ebensolchen Beinen.

2025  Die Lachmöve

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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