Jedes Mal, wenn ich junge Möwen beobachte, die noch nicht selbständig sind, aber mit ihrem plüschigen Gefieder schon fast so groß wie ihre Eltern, bin ich amüsiert.* Der Nachwuchs – in diesem Beitrag geht es um Lachmöwen – hockt oder steht im buschigen Grün und wirkt wie abgestellt – oder wie geparkt. Die Altvögel sind derweil beschäftigt: Sie suchen für sich oder ihre Jungen nach Nahrung, die hauptsächlich aus Würmern und Insekten besteht. Oder sie ruhen.

Lachmöwen einer Brutkolonie auf Neuwerk im Prachtkleid
Eine äußerst lebendige Lachmöwenkolonie sah ich zuletzt auf Neuwerk, das in der Elbemündung ein „Vorposten” von Hamburg ist – und zum Hamburgischen Wattenmeer zählt. Auf Neuwerk konnte ich nun schon zum dritten Mal typische Watvögel und Meeresvögel – entsprechend dem Englischen Seabirds heute meist Seevögel genannt – beobachten. Dieses Mal bei stürmischem norddeutschen Wetter, was sich leider auch auf die Schärfe der Fotos auswirkt. Die Kamera konnte ich teilweise kaum halten, mein Stativ hatte ich nicht dabei. Es wäre vermutlich auch umgeweht worden.
Wer von Cuxhaven oder direkt von Sahlenburg aus die Pferdekutsche nimmt, sieht im Watt bereits mehrere Möwen- und Seeschwalbenarten, Löffler und Austernfischer, Brandgänse und Rotschenkel, Steinwälzer & Co.*
Im Wattwagen nach Neuwerk zu fahren, ist unbedingt empfehlenswert. Zu Fuß oder hoch zu Ross geht es bei Ebbe ebenfalls. Und wer möchte nimmt eine kleine Fähre ab Cuxhaven.**
Quirlige Lachmöwen-Kolonie
In der Brutzeit sind einige Wege im naturgeschützten Gebiet der Insel gesperrt. Aber auch dann gibt es genug zu sehen. Nach der Brutzeit heißt es in Zone 1: unbedingt auf den Wegen bleiben und den Seevögeln beziehungsweise Watvögeln mit ihren Jungen nicht zu nahe kommen. Der Naturschutz hat Vorrang.
Außerdem: Möwen und Seeschwalben können mit ihren Attacken unangenehm werden – sie haben es mit den spitzen Schnäbeln auf Menschenköpfe abgesehen. Das haben mir bei einem früheren Besuch der Insel die Brandseeschwalben eingehend demonstriert.
In einer Lachmöwenkolonie, die manchmal aus zwanzig oder dreißig Vögeln besteht, oft aus einigen hundert und eventuell sogar aus mehreren tausend Möwen, geht es hoch her.***
Durch das Fernglas lassen sich die ständigen Streitereien erkennen, die immer dann entstehen, wenn Territoriumsgrenzen von einem Vogel nicht eingehalten werden. Und das passiert oft unabsichtlich: zum Beispiel, wenn eine Möwe landet (und sich beim Abbremsen verrechnet hatten) oder wenn ein Junges zu neugierig war oder wenn es panisch geflüchtet war und sich anschließend verlaufen hat. (Mehr dazu steht weiter unten,)
Tarnung: Die jungen Lachmöwen sind mit dem bräunlichen Gefieder im Grün der Pflanzen gut verborgen.
Vor- und Nachteile des Gruppenlebens
Die Nester von Brutpaaren liegen in der Regel 70 bis 100 cm auseinander, und der Kernbereich des Brutreviers ist im Querschnitt etwa 30 bis 45 cm groß. Sind die Jungen aus einem Gelege von meist zwei oder drei Eiern geschlüpft, sind sie anfangs relativ sicher. Denn sie bleiben im Nest und werden von den Eltern versorgt und ziemlich gut bewacht, damit sie nicht etwa von Silbermöwen oder einem Greifvogel erbeutet werden.
Die Jungen der Lachmöwe sind weder Nesthocker noch Nestflüchter, sondern werden als Platzhocker bezeichnet. Mit ihrem blass-ockerbraunen Gefieder sind sie gut getarnt. Ihre Augen und Ohren sind gleich nach dem Schlüpfen einsatzbereit. Die Küken bleiben aber zunächst im Nest hocken und lassen sich von den Eltern füttern – während Nestflüchter, wie etwa Stockenten, zwar von den Eltern geführt werden, sich jedoch selbst versorgen.
So entsteht beim Lachmöwennachwuchs leicht der Eindruck, sie würden sich nicht vom Fleck rühren und stoisch auf die Fütterung durch die Altvögel warten. Auf mich wirken die Jungen dann eben „wie geparkt“.
Lachmöwen sind aufmerksame Vögel, die leicht Alarm schlagen. Das nützt der Feindabwehr, bringt aber viel Unruhe in die Kolonie: Immer wieder fliegen Altvögel mit Geschrei auf und Jungvögel suchen nach einem Versteck. Doch sie verirren sich manchmal auf dem Weg zurück zum Nest.
Was dann passieren kann, hat Joachim Steinbacher anschaulich beschrieben. Ich zitiere eine Passage, die ich aus Wolfgang Makatsch Die Lachmöwe¹ übernommen habe, Seite 47
Tatsache ist, dass die durch fremdes Revier laufenden Jungen von allen Seiten heftig gehackt werden, wobei es von der Entfernung der nächsten Deckung zum Nest abhängt, ob ein weiter Weg zurückgelegt werden muß, wenn die Jungen flüchten. Die allgemeine Erregung in einer alarmierten Kolonie, läßt aber selbst die Alten oft nicht gleich ihr Nest wiederfinden – ich sah, daß ein Vogel dreimal auf einem falschen Nest landete, bis er beim vierten Mal sein eigenes fand – viel weniger rasch finden es**** die Jungen. Sie laufen dann eilig auf ihr Nest zu, müssen dabei Umwege machen und werden nahezu von jedem Altvogel, dem sie begegnen, gehackt. Diese begnügen sich nicht einmal damit, sondern laufen noch ein Stück hinter dem Jungen her, so dass der gejagte Jungvogel meist bald zusammenbricht.
Allerdings haben sich bestimmte Verhaltensweisen in der Evolution durchgesetzt, die das Überleben der Jungen fördern:
Die Eltern verteidigen einen kleinen Bezirk um ihre Jungen herum – als wäre es der ehemalige Nistplatz.
Die Jungen bleiben dort, wo sie – bewacht von den Eltern – ein sicheres Plätzchen im hohen Kraut der Wiese besetzt haben.
Gefährlich ist die Phase, wenn Lachmöwen im Alter von etwa zwei Wochen das Nest regelmäßiger verlassen. Sie sind vielfach Drohungen und Angriffen benachbarter Artgenossen und Artgenossinnen ausgesetzt, sobald sie denen zu nahekommen. Manchmal können die Altvögel helfen. Ich habe aus einer derartigen Situation eine kleine Bildergeschichte gemacht:

Elternteil: Das gibt Ärger mit den Nachbarn. Haltung der Altvögel: rechts: unterwürfig; links: empört
Spaziergänge zum Wasser
Junge Lachmöwen machen mit der Zeit – und bevor sie mit etwa drei Wochen fliegen können – bereits weitere Ausflüge; genau genommen Spaziergänge, da sie nicht fliegen können. Auch dann sind sie in Begleitung der Eltern unterwegs, erreichen zum Beispiel Siele, die ins Wattenmeer entwässern, und üben sich im Schwimmen. Der heftige Wind am Tag meiner Beobachtungen sorgte überall für viel Wellengang – das demonstriert vor allem das weiter unten folgende Video.
Manchmal begegnete ich jungen Lachmöwen (hier und da auch ohne direkte elterliche Begleitung) als Grüppchen. Am Wasser und entfernt von der Kolonie wirkt so eine kleine Ansammlung dann wie ein unbeaufsichtigter Kindergarten. Bei Gefahr sind Altvögel in der Regel rasch zur Stelle.
Hier stehen oder hocken die Jungen am Ufer eines Siels und wirken ebenfalls wie geparkt. Sie gehen sofort ins Wasser, wenn sie sich unwohl oder bedroht fühlen – selbst durch eine vorsichtige Vogelbeobachterin wie mich. Sicher ist eben sicher.
Junge Lachmöwen sind streitsüchtig – und keineswegs konfliktscheu. Sie verhalten sich eben wie die „Alten“. Das illustriert das Video, das bei heftigem Sturm aufgenommen wurde. An diesem Tag steuerte übrigens weder die Fähre die Insel an, noch erreichten Pferdekutschen mit neuen Gästen Neuwerk.
Größere Möwenkinder sind schon im Juni oder Juli auf dem Wasser des Siels, unterwegs.
Immer häufiger trifft man bald auf den Nachwuchs im Wattgebiet der Insel. Die Jungen können mit gut drei Wochen nicht nur laufen und schwimmen, sondern auch fliegen. Wieder scheinen sie manchmal mutterseelen- oder vaterseelenallein zu sein; und sind es doch nicht.
Mit etwa vier Wochen endet die Betreuung durch die Eltern. Schon vorher gehen die Meinungen oft auseinander und die Wege trennen sich …
¹ Wolfgang Makatsch: Die Lachmöwe, Die Neue Brehm-Bücherei, Bd. 56, Wittenberg Lutherstadt, 1952
* Davon habe ich auch am Beispiel einer hungrigen Silbermöwe in Frankreich und nach einer Begegnung mit bettelnden Jungen am Strand von Wilhelmshaven berichtet.
** Meine Empfehlung: auf Neuwerk übernachten, um auch frühmorgens oder abends die Vogelwelt zu entdecken.
*** Auch an der Nordsee kamen in den letzten Jahren viele tausend Lachmöwen durch die Vogelgrippe ums Leben. Langsam erholen sich die Bestände, aber die Kolonien sind noch klein.
**** Zu besseren Verständlichkeit ergänzt: rasch finden es
Lachmöwe | Mouette rieuse | Black-headed Gull | Larus ridibundus = Chroicocephalus ridibundus






































0 Kommentare