Die Heringsmöwe sieht der Silbermöwe sehr ähnlich und ist daher leicht mit ihr zu verwechseln. Im Bereich der deutschen Nordseeküste, wo sich die dunklere Heringsmöwe in den letzten Jahren ausgebreitet hat, sollten wir heutzutage also genauer hinschauen. Es lohnt speziell auf die Beine zu achten, die bei der Silbermöwe rosafarben sind, während sie bei der Heringsmöwe gelb sind.
Ein Hingucker ist der Schnabel: Er ist im Prachtkleid – also zur Fortpflanzungszeit – leuchtend gelb; früher sprach man in der Ornithologie sogar von einer „hochgelben“ oder „königsgelben“ Farbnuance. Besonders markant ist ein „korallenroter Punkt an der Ecke des Unterschnabels“, wie Johann F. Naumann formulierte.¹ Seine Bedeutung habe ich am Beispiel der Silbermöwe ausführlich erklärt.
Eine Vier-Jahres-Möwe
Diese kontrastreiche Färbung der Heringsmöwe und einiger verwandter Arten ist allerdings erst frühestens im 4. Lebensjahr voll ausgeprägt, das heißt, wenn sich die Möwen verpaaren und für Nachwuchs sorgen. Solche Möwenarten zählen zu den „Vier-Jahres-Möwen”, weil sie erst nach vier Jahren erwachsen (adult) sind und ihr Prachtkleid tragen. Dreißig Jahre alt können sie übrigens werden!
Wie auch die Mittelmeermöwe brauchen Heringsmöwen mindestens drei Jahre und mehrere Federwechsel, um das anfangs bräunliche Federkleid gegen ein weißes mit silbergrauem Mantel – bei der Silbermöwe – und dunkelgrauem Mantel* – bei der Heringsmöwe – einzutauschen. Auch die unterschiedliche Beinfärbung zeigt sich erst im Prachtkleid des 4. Jahres.
Im Wandel der Zeit
Noch im 19. Jahrhundert brüteten europäische Heringsmöwe fast nur an der Küste von Norwegen und an der Ostseeküste von Schweden und Finnland. Erst wenn das Brutgeschäft abgeschlossen war, zogen sie in die südlichen Nordsee, erschienen unter anderem im Wattenmeer und zogen in der kalten Jahreszeit, je nach Witterung, weiter in Richtung Mittelmeer und bis West- bzw. Ostafrika.
Seit Mitte des 20. Jahrhundert brütet diese hübsche Möwe, die Kenner im Vergleich zur Silbermöwe als kleiner und eleganter beschreiben, auch im Bereich der deutschen Nordseeküste.
Mindestens 40.000 Paare sind es mittlerweile. Das lese ich in dem so wertvollen Nachschlagewerk Das große Buch vom Vogelzug.²
Wer zum Beispiel nach Helgoland fährt und die Düne besucht, kann dort ab April eine kleine Brutkolonie beobachten. Es ist aber nötig, ein gutes Fernglas dabei zu haben, denn
die Vögel sollen in der Fortpflanzungszeit nicht gestört werden – also bitte Abstand halten,
und ihre Nistplätze sind von den Wegen recht weit entfernt und oft nur zu erahnen.
Auch meine Fotos stammen aus großer Entfernung, die Schärfe lässt daher etwas zu wünschen übrig. Doch die Lichtverhältnisse hatten dieses Mal mitgespielt.
Das Brutgeschäft
Das Nest der Heringsmöwe besteht aus Stängeln, Gräsern, Algen und Queller.** Der weibliche Vogel legt in der Regel drei Eier, aus denen nach mehr als drei Wochen die Jungen schlüpfen.
Beim Brutgeschäft wechseln sich die beiden Partner ab. Und wer nicht brütet, bleibt meistens in der Nähe des Nestes.
Ich habe in diesem Videoausschnitt den Wind, der an der Nordsee meist heftig weht, natürlich nicht herausgefiltert, sondern belassen.
Zur Nahrungsaufnahme geht es auf das Meer oder zumindest an den nahen Strand. Der Artname Heringsmöwe lässt vermuten, dass sie sich primär von Hering ernährt. Das ist nicht falsch, aber heutzutage keineswegs immer der Fall. Sie „fischen“ nach allen möglichen kleineren Fischen, holen sich auch den Beifang von kleinen Fischkuttern und großen Fischdampfern, der ins Meer entleert wird. Außerdem verzehren sie große und kleine wirbellose Tiere, also Invertebraten wie Krebse und Insekten.
Diese finden sie im Angespülten am Strand. Man kann ihnen gut dabei zusehen, wie sie den Spülsaum durchforsten und bei jeder anrollenden Welle darauf achten, was sie an Verwertbarem auf den Strand befördert. Also Vorhang auf für die hungrige Möwe.
Das Video zeigt nicht nur die Nahrungssuche, sondern auch die gelben Beine der Heringsmöwe und … dass sie beringt ist.
Drei Eier – drei Möwenküken
Es war reiner Zufall, dass ich beim Besuch der Helgoländer Düne mit dem Fernglas ein Grüppchen von Heringsmöwen entdeckte, die bereits mit dem Nachwuchs beschäftigt waren, während andere noch brüteten. Vielleicht wurde ich aufmerksam, weil mir zumindest eine der Möwen aufgeregt erschien.
Sie war zielstrebig unterwegs. Und dann rief sie auch schon. Tatsächlich lockte sie so ihre Jungen an. Die wenige Tage alten Küken kamen sogleich aus dem Dickicht von Gras und Kraut etwas weiter hervor und kamen ihr entgegen.
Wie etwa die Lachmöwen sind junge Heringsmöwen Platzhocker: Sie sind also bald nach dem Schlüpfen mobil, aber noch längere Zeit an den Nistplatz gebunden. Immer näher kamen nun die Küken dem Altvogel, dem rufenden Elternteil, dessen Stimme sie kennen.
Ich brach an dieser Stelle meine Beobachtung ab und zog mich zurück. Denn ich hatte das ungute Gefühl, die Vögel zu irritieren.
Dass Möwen*** aus der biologischen Familie Laridae mit ihren Küken sehr fürsorglich umgehen, ist bekannt³: Zum Beispiel
führen sie den Nachwuchs in höher gelegenes Gelände, wenn Hochwasser ihnen zu nahekommt,
bringen sie die Küken näher ans Wasser, wenn es an Land zu heiß ist,
sorgen bei Störungen für Sicherheit, indem sie mit den Jungen den Nistplatz verlassen.
Wie auch andere Meeresvögel brüten Heringsmöwen in Kolonien, weil das in vielerlei Hinsicht sicherer ist. Aber Möwen stibitzen durchaus die Eier von Nachbarn und attackieren auch mal ein fremdes Junges, das sich verlaufen hat und einem fremden Territrorium zu nahekommt. Gerade wenn die Jungen flügge werden, ist in den Kolonien daher viel Trubel und Geschrei.
Generell ist der Nistplatz jedoch ein sicherer Hort und ein Territorium, das die Eltern gegen potenzielle Feinde – und das können auch Artgenossen sein – energisch verteidigen.
Es wird nicht nur gemeinsam gebrütet. Heringsmöwen ohne Nachwuchs dösen im Dünengelände gemeinsam oder widmen sich der Gefiederpflege. Ende Juni, Anfang Juli machen sie sich bereits auf den Weg ins Winterquartier: Westeuropäische Heringsmöwen fliegen dann längs der Atlantikküste südwärts und teils bis Mauretanien. Osteuropäische Heringsmöwen bleiben zum Beispiel am Schwarzen Meer oder dem südlichen Mittelmeer. Andere ziehen bis ans Rote Meer und weiter nach Ostafrika.
* Der Mantel bedeckt den Körper der stehenden oder sitzenden Möwe und wird von den „zusammengefalteten“ Flügeln gebildet.
** Den Queller Salicornia europaea kennen viele Menschen heute vor allem aus der Küche und zwar als Meeresspargel oder Seespargel. Er ist ein charakteristisches Gewächs des Wattenmeeres.
*** Wer mehr über Möwen erfahren möchte, dem kann ich das Buch Möwen empfehlen und informativ ist außerdem Die Silbermöwe und andere Küstenvögel.
¹ Johann F. Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd. XI, S. 235
² Franz Baierlein, Das große Buch vom Vogelzug, Aula Verlag, Wiebelsheim, 2022, S. 63
³ Josep del Hoyo u.a. (Hrsg,) Handbook Of The Birds Of The World, Lynx Edicions, Barcelona, 1996, Bd. 3, S. 590 und S. 611
Heringsmöwe | Goéland brun | Lesser black-backed Gull | Larus fuscus







































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