Helgoländer Heringsmöwe

09. April 2026 | Große Vögel | 0 Kommentare

Heringsmöwe: gelber Schnabel, gelbe Beine, dunkler Mantel

Die Heringsmöwe sieht der Silbermöwe sehr ähnlich und ist daher leicht mit ihr zu verwechseln. Im Bereich der deutschen Nordseeküste, wo sich die dunklere Heringsmöwe in den letzten Jahren ausgebreitet hat, sollten wir heutzutage also genauer hinschauen. Es lohnt speziell auf die Beine zu achten, die bei der Silbermöwe rosafarben sind, während sie bei der Heringsmöwe gelb sind.

Ein Hingucker ist der Schnabel: Er ist im Prachtkleid – also zur Fortpflanzungszeit – leuchtend gelb; früher sprach man in der Ornithologie sogar von einer „hochgelben“ oder „königsgelben“ Farbnuance. Besonders markant ist ein „korallenroter Punkt an der Ecke des Unterschnabels“, wie Johann F. Naumann formulierte.¹ Seine Bedeutung habe ich am Beispiel der Silbermöwe ausführlich erklärt.

Eine Vier-Jahres-Möwe

Diese kontrastreiche Färbung der Heringsmöwe und einiger verwandter Arten ist allerdings erst frühestens im 4. Lebensjahr voll ausgeprägt, das heißt, wenn sich die Möwen verpaaren und für Nachwuchs sorgen. Solche Möwenarten zählen zu den „Vier-Jahres-Möwen”, weil sie erst nach vier Jahren erwachsen (adult) sind und ihr Prachtkleid tragen. Dreißig Jahre alt können sie übrigens werden!

Adulte Heringsmöwe im Prachtkleid; auch Brutkleid genannt.

Wie auch die Mittelmeermöwe brauchen Heringsmöwen mindestens drei Jahre und mehrere Federwechsel, um das anfangs bräunliche Federkleid gegen ein weißes mit silbergrauem Mantel – bei der Silbermöwe – und dunkelgrauem Mantel* – bei der Heringsmöwe – einzutauschen. Auch die unterschiedliche Beinfärbung zeigt sich erst im Prachtkleid des 4. Jahres.

Im Wandel der Zeit

Verborgen in der Dünenlandschaft

Noch im 19. Jahrhundert brüteten europäische Heringsmöwe fast nur an der Küste von Norwegen und an der Ostseeküste von Schweden und Finnland. Erst wenn das Brutgeschäft abgeschlossen war, zogen sie in die südlichen Nordsee, erschienen unter anderem im Wattenmeer und zogen in der kalten Jahreszeit, je nach Witterung, weiter in Richtung Mittelmeer und bis West- bzw. Ostafrika.

Seit Mitte des 20. Jahrhundert brütet diese hübsche Möwe, die Kenner im Vergleich zur Silbermöwe als kleiner und eleganter beschreiben, auch im Bereich der deutschen Nordseeküste.

Mindestens 40.000 Paare sind es mittlerweile. Das lese ich in dem so wertvollen Nachschlagewerk Das große Buch vom Vogelzug

Wer zum Beispiel nach Helgoland fährt und die Düne besucht, kann dort ab April eine kleine Brutkolonie beobachten. Es ist aber nötig, ein gutes Fernglas dabei zu haben, denn

die Vögel sollen in der Fortpflanzungszeit nicht gestört werden – also bitte Abstand halten,
und ihre Nistplätze sind von den Wegen recht weit entfernt und oft nur zu erahnen.

Auch meine Fotos stammen aus großer Entfernung, die Schärfe lässt daher etwas zu wünschen übrig. Doch die Lichtverhältnisse hatten dieses Mal mitgespielt.

Das Brutgeschäft

Brütende Heringsmöwe auf der Düne von Helgoland

Das Nest der Heringsmöwe besteht aus Stängeln, Gräsern, Algen und Queller.** Der weibliche Vogel legt in der Regel drei Eier, aus denen nach mehr als drei Wochen die Jungen schlüpfen.

Brutpaar an einem heißen Sommertag – der brütende Vogel hechelt.

Beim Brutgeschäft wechseln sich die beiden Partner ab. Und wer nicht brütet, bleibt meistens in der Nähe des Nestes.

Ich habe in diesem Videoausschnitt den Wind, der an der Nordsee meist heftig weht, natürlich nicht herausgefiltert, sondern belassen.

Zur Nahrungsaufnahme geht es auf das Meer oder zumindest an den nahen Strand. Der Artname Heringsmöwe lässt vermuten, dass sie sich primär von Hering ernährt. Das ist nicht falsch, aber heutzutage keineswegs immer der Fall. Sie „fischen“ nach allen möglichen kleineren Fischen, holen sich auch den Beifang von kleinen Fischkuttern und großen Fischdampfern, der ins Meer entleert wird. Außerdem verzehren sie große und kleine wirbellose Tiere, also Invertebraten wie Krebse und Insekten.

Futtersuche im Spülsaum

Diese finden sie im Angespülten am Strand. Man kann ihnen gut dabei zusehen, wie sie den Spülsaum durchforsten und bei jeder anrollenden Welle darauf achten, was sie an Verwertbarem auf den Strand befördert. Also Vorhang auf für die hungrige Möwe.

Das Video zeigt nicht nur die Nahrungssuche, sondern auch die gelben Beine der Heringsmöwe und … dass sie beringt ist.

Drei Eier – drei Möwenküken

Es war reiner Zufall, dass ich beim Besuch der Helgoländer Düne mit dem Fernglas ein Grüppchen von Heringsmöwen entdeckte, die bereits mit dem Nachwuchs beschäftigt waren, während andere noch brüteten. Vielleicht wurde ich aufmerksam, weil mir zumindest eine der Möwen aufgeregt erschien.

Sie war zielstrebig unterwegs. Und dann rief sie auch schon. Tatsächlich lockte sie so ihre Jungen an. Die wenige Tage alten Küken kamen sogleich aus dem Dickicht von Gras und Kraut etwas weiter hervor und kamen ihr entgegen.

Wie etwa die Lachmöwen sind junge Heringsmöwen Platzhocker: Sie sind also bald nach dem Schlüpfen mobil, aber noch längere Zeit an den Nistplatz gebunden. Immer näher kamen nun die Küken dem Altvogel, dem rufenden Elternteil, dessen Stimme sie kennen.

Ich brach an dieser Stelle meine Beobachtung ab und zog mich zurück. Denn ich hatte das ungute Gefühl, die Vögel zu irritieren.

Dass Möwen*** aus der biologischen Familie Laridae mit ihren Küken sehr fürsorglich umgehen, ist bekannt³: Zum Beispiel

führen sie den Nachwuchs in höher gelegenes Gelände, wenn Hochwasser ihnen zu nahekommt,
bringen sie die Küken näher ans Wasser, wenn es an Land zu heiß ist,
sorgen bei Störungen für Sicherheit, indem sie mit den Jungen den Nistplatz verlassen.

Wie auch andere Meeresvögel brüten Heringsmöwen in Kolonien, weil das in vielerlei Hinsicht sicherer ist. Aber Möwen stibitzen durchaus die Eier von Nachbarn und attackieren auch mal ein fremdes Junges, das sich verlaufen hat und einem fremden Territrorium zu nahekommt. Gerade wenn die Jungen flügge werden, ist in den Kolonien daher viel Trubel und Geschrei.
Generell ist der Nistplatz jedoch ein sicherer Hort und ein Territorium, das die Eltern gegen potenzielle Feinde – und das können auch Artgenossen sein – energisch verteidigen.

Heringsmöwen sind keine Einzelgänge, sondern leben gesellig.

Es wird nicht nur gemeinsam gebrütet. Heringsmöwen ohne Nachwuchs dösen im Dünengelände gemeinsam oder widmen sich der Gefiederpflege. Ende Juni, Anfang Juli machen sie sich bereits auf den Weg ins Winterquartier: Westeuropäische Heringsmöwen fliegen dann längs der Atlantikküste südwärts und teils bis Mauretanien. Osteuropäische Heringsmöwen bleiben zum Beispiel am Schwarzen Meer oder dem südlichen Mittelmeer. Andere ziehen bis ans Rote Meer und weiter nach Ostafrika.

    * Der Mantel bedeckt den Körper der stehenden oder sitzenden Möwe und wird von den „zusammengefalteten“ Flügeln gebildet.
  ** Den Queller Salicornia europaea kennen viele Menschen heute vor allem aus der Küche und zwar als Meeresspargel oder Seespargel. Er ist ein charakteristisches Gewächs des Wattenmeeres.
*** Wer mehr über Möwen erfahren möchte, dem kann ich das Buch Möwen empfehlen und informativ ist außerdem Die Silbermöwe und andere Küstenvögel.

¹ Johann F. Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd. XI, S. 235
² Franz Baierlein, Das große Buch vom Vogelzug, Aula Verlag, Wiebelsheim, 2022, S. 63
³ Josep del Hoyo u.a. (Hrsg,) Handbook Of The Birds Of The World, Lynx Edicions, Barcelona, 1996,  Bd. 3, S. 590 und S. 611

Heringsmöwe | Goéland brun | Lesser black-backed Gull | Larus fuscus

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Birding

Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Am Rand von Feldern, einem Teich und dörflicher Umgebung steht etwas erhöht ein grau-brauner hühnerartiger Vogel.

2026 Das Rebhuhn

Drei dunkle Hausrotschwänze in einer Grafik. Links der weibliche Vogel rechts davon der männliche, beide mit roten Schwanzfedern. Der männliche Vogel ist an weißen Federn am Kopf und auf den Flügeln zu erkennen. Ganz rechts auf der Grafik und neben den Eltern ein dunkelbraun-grauer Jungvogel.

2025 Der Hausrotschwanz

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Das Rotkehlchen

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Der Wiedehopf

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Auf grünlichem Wasser schwimmt ein grau-weißer Vogel mit dunklem Hinterkopf und einer weißen Stirn.

2026  Die Zwergseeschwalbe

Drei schwarzköpfige Möwen im sogenannten Prachtkleid oder Brutkleid. In der Mitte steht die Lachmöwe mit orangerotem Schnabel und ebensolchen Beinen.

2025  Die Lachmöwe

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Flussseeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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