Den Bartkauz treffen

11. September 2018 | Falke & Co, Große Vögel | 3 Kommentare

Ein Barkauz mit großen Augen, gestreiftem Gefieder und gelben Pupillen sitzt aufrecht auf einem Ast.

Weißrussische Bartkauz-Dame. Namensgebend sind die schwarzen Federn unter dem Schnabel.

Dem Bartkauz in seinem natürlichen Lebensraum zu begegnen, ist ein phantastisches Erlebnis: Diese Ruhe, mit der die große Eule uns anschaut, den Kopf mal nach links, mal nach rechts dreht und so – absolut stillsitzend – ihre Rundumsicht von nahezu 360 Grad demonstriert. Und wenn sie dann irgendwann mit ausholenden Schwüngen davonschwebt. Toll!

In Deutschland leben keine Bartkäuze, außer in einigen Zoologischen Gärten. Dort hat einer seiner Art für Schlagzeilen gesorgt: Er ist im Sommer 2018 im Bergzoo von Halle gestorben und war offenbar mit dem West-Nil-Virus infiziert. Dieser Erreger ist nah verwandt mit dem Usutu-Virus, das in manchen Jahren tödliche Epidemien unter den Amseln und anderen Singvögeln verursacht. Mehr dazu auf meiner Info-Seite.

Beide Virentypen können bei Bartkäuzen tödliche Infektionen hervorrufen – übertragen von hiesigen Stechmücken der Sorte Culex pipiens oder selteneren Mückenarten.

Im Wald stehen sechs Vogelkundige mit Tarnkleidung, Kopfschutz und Handschuhen ausgerüstet undbesprechensich. Viel optische Geräte sind dabei.

Mücken: Fotografen brauchen Handschuhe! Der Gesichtsschutz wird nur zur Besprechung hochgekrempelt.

Mich hat der Bericht über die Infektion des Bartkauzes zunächst gewundert. Denn dort, wo ich auf den Vogel traf, konnte ich mich vor Stechmücken kaum retten. Es war sumpfig, die Luft feucht. Aber den Bartkäuzen, von denen in diesem Wald gleich mehrere Paare brüten, geht es gut.

Sie leben im Vygonoschanski-Urwald in Weißrussland – kein Forst, sondern eine wilde Mischung aus Birken, Eichen, Erlen und vielen Kiefern über einer wunderbaren Bodenvegetation.

Die Käuze jagen in dem weitgehend unberührten Gelände nach Mäusen, vor allem nach Wühlmäusen, und sie haben es offenbar mit Stechmücken zu tun, die nicht mit dem West-Nil- oder dem Usutu-Virus infiziert sind. Beiden Erregern wird es dort im Winter sicher zu kalt.

Birken und Kiefern und ein schön bewachsener Waldboden im frühlingshellen Grün.

Anfang Mai ist der Vygonoschansky-Urwald noch licht.

Verbreitet sind Bartkäuze vor allem in den borealen Wäldern der russischen Taiga, also in den nördlichsten Waldbeständen unseres Globus. Doch sie leben und brüten auch in Finnland, Mittelschweden, Weißrussland und Polen. Da sie zirkumpolar vorkommen, gibt es sie auch in Nordamerika.

Kleine weiße Dolden einer blühenden Pflanze auf dem Waldboden.

Ledum palustre oder Sumpfporst – eine Rhododendronpflanze

Der Weg ist das Ziel

In Weißrussland war ich keineswegs alleine unterwegs, sondern auf einer zehntägigen Tour mit wirklich vogelbegeisterten und sehr erfahrenen Ornithologen. Aber ohne den ortsansässigen Beringer, der alle Brutpaare vor Ort gut kennt und uns führte, wäre die Suche nach dem Bartkauz kaum erfolgreich gewesen. Zuerst sahen wir den Horst.

Bartkäuze nutzen für die Brut meist Nester, die von Krähen oder Greifvögeln angelegt wurden. Sie bauen diese aus, nutzen sie mehrfach, und mit den Jahren wird der Horst dadurch immer mächtiger. Dass es ihnen nicht wichtig ist, selbst den Grundstock zu legen, ist heutzutage von Vorteil: Viele ursprüngliche Wälder verschwinden, werden zu Forsten für die Holzwirtschaft umgebaut. Da fehlt es dem Bartkauz an altem Baumbestand mit passenden Nistmöglichkeiten.

Auf der Webseite der AG Eulen lese ich jedoch, dass Bartkäuze die Kunsthorste, die ihnen Naturschützer in Finnland und Schweden anbieten, gerne annehmen. Mit anderen Worten, sie lassen gerne bauen.

Ein Bartkauz mit großen Augen sitzt auf einem Kiefernast, nah am Stamm.

Die Bartkauz-Dame auf einem Ruheplatz

Ganz in der Nähe des Horstbaums entdeckten wir schließlich die Bartkauz-Dame. Der Vogel ist etwa so groß wie ein Uhu, aber nicht so schwer, denn das meiste Volumen bringt sein luftiges Federkleid und nicht etwa das Muskelgewebe oder das Knochengerüst. Bekannt ist er für sein dunkles Gesicht, die hellen seitlichen Augenbrauen und den großen runden Kopf.

Ein supergutes Gehör

Der Bartkauz ist kein ausgesprochener Nachtjäger, er jagt in der Dämmerung und auch am Tag. Kein Wunder: Im hohen Norden ist es im Sommer lange hell, da würde ihm und den Jungen bald der Magen knurren, wenn die Mäusejagd auf die Dunkelheit beschränkt wäre. Seine Augen sind im Vergleich zu tagaktiven Greifvögeln groß, sehen auch bei wenig Licht scharf, und fast bewegungslos kontrollieren die Vögel per Kopfdrehung das ganze Umfeld. (Zum Vergrößern die Fotos zweimal anklicken.)

Bartkäuze haben nicht nur ein gutes Sehvermögen, sondern vor allem ein phantastisches Gehör. Das macht sie von den Lichtverhältnissen unabhängig. Sie können ihre Beute allein mit den Ohren orten, zum Beispiel wenn die Maus im Winter unter der Schneedecke herumläuft. Das berichtet Tim Birkhead in seinem Buch Die Sinne der Vögel (Springer, Berlin 2018, S. 42)

Um allein nach dem Gehör jagen zu können, müssen Bartkäuze nicht nur außerordentlich scharfe Ohren haben, sondern die Schallquelle exakt lokalisieren können, und das sowohl in der Horizontal – als auch in der Vertikalebene.

Seitlicher Anblick vom Kauz

Typisch: Gesichtsschleier, dicker Kopf, gelbe Iris, kräftige Zehen.

Das gelingt ihnen auch deshalb, weil das Gehör auf der linken und rechten Kopfseite unterschiedlich positioniert ist. (Was das für die Verrechnung von Schall bedeutet, lässt sich nicht kurz erklären. Ich bitte daher, das bei Tim Birkhead oder anderswo nachzulesen.)

Außerdem: Vögel haben keine Ohrmuscheln, dafür wachsen ihre Federn im Kopfbereich so, dass der Schall gut zu den Ohren geleitet wird. Deren schlitzartige Öffnungen sind beim Bartkauz außergewöhnlich groß, und die Anordnung seiner Federchen im Gesicht sorgt dafür, dass viel Schall eingefangen wird: sauber getrennt für die linke und die rechte Seite. Wissenschaftler haben diese Federn „Gesichtsschleier“ getauft.

Im Vergleich zu uns haben Vögel das große Los gezogen: Ihre hochsensiblen Hörzellen im Innenohr erneuern sich, so dass die Tiere wahrscheinlich keine „Altersschwerhörigkeit“ kennen. Und auch vor Lärmschäden durch hohe Lautstärken sind sie besser geschützt als wir.

Bartkauz im lichtdurchfluteten Wald

Abschied vom Bartkauz

Ich pesönlich hätte übrigens gerne gewusst, ob die Bartkauz-Dame registriert hat, dass wir nicht auf Weißrussisch, sondern – wenn überhaupt – auf Deutsch geflüstert haben.

Bartkauz | Chouette lapone | Great Gray Owl | Strix nebulosa

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

3 Kommentare

  1. Künstliche Horsthilfen werden auch in Weißrussland angeboten. Ein erfahrener Ornithologe schickte mir jetzt ein Foto von einer ungewöhnlichen Nisthilfe in Weißrussland – ein Autoreifen -, und er erklärte mir: Dem Bartkauz ist es egal, ob die Unterlage ein natürlicher Horst oder eine andere Plattform ist. Da haben nur wir Menschen manchmal ein etwas verklärtes Bild. Ein Kauz auf einem Autoreifen ist ja auch nur so etwas wie ein Storch auf dem Wagenrad, ein Fischadler im Korb auf dem Gittermast, eine Meise im Nistkasten …

    Bartkauz (©Foto: B. Schäfer)

    Antworten
  2. Sehr schön, dass man die Fotos durch Anklicken noch vergrößern kann.

    Antworten

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Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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